Die biographische Anamnese verbindet die Lebensgeschichte Ihrer Patient:innen mit einer klinischen Frage: Welche Erfahrungen, Beziehungen und Bewältigungsmuster helfen, die aktuelle Symptomatik zu verstehen? Für die GOP 35140 gehören die Erstellung der Anamnese, eine verfahrensspezifische Statusbestimmung und mindestens 50 Minuten Leistungsdauer zusammen.
Im Praxisalltag liegt die Schwierigkeit oft zwischen Gespräch und fertigem Text: Informationen sind über mehrere Sitzungen verteilt, wichtige Zusammenhänge noch offen. Hier finden Sie einen Fragenleitfaden mit 27 Gesprächsfragen, eine Vorlage zum Übernehmen, Beispiele für VT, TP/AP und ST sowie die Abrechnungsregeln. DokuDachs, ein KI-Tool für psychotherapeutische Sitzungsdokumentation, kann Ihnen helfen, die Gesprächsinhalte dafür zu strukturieren.
Abrechnungsstand: Oktober 2026, EBM 4/2026. Gesprächsleitfaden, Vorlage und Fallbeispiele sind redaktionelle Arbeitshilfen; die Beispiele sind fiktiv.
Was genau ist die biografische/biographische Anamnese nach GOP 35140?
Definition im EBM
Die GOP 35140 bezeichnet im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) die Erstellung der biographischen Anamnese einschließlich der verfahrensspezifischen Statusbestimmung. Gemeint ist eine diagnostische Ausarbeitung im Zusammenhang mit einer möglichen antragspflichtigen Psychotherapie. Die verbindlichen Leistungsinhalte finden Sie im KBV-EBM 4/2026, Abschnitt 35.1, Seiten 913–914.
Der entscheidende Punkt: Es handelt sich um eine eigenständige diagnostische Arbeitsleistung. Sie erstellen ein schriftliches Dokument, in dem Sie lebensgeschichtliche und soziale Daten zusammentragen und daraus eine verfahrensspezifische diagnostische Einordnung ableiten.
Obligater Leistungsinhalt – die drei Pflichtbestandteile
Damit die GOP 35140 biographische Anamnese korrekt erbracht und abgerechnet werden kann, müssen alle drei Bestandteile erkennbar dokumentiert sein:
- Biographische Anamnese: Erhebung und schriftliche Ausarbeitung der lebensgeschichtlichen und sozialen Daten
- Verfahrensspezifische Statusbestimmung: Bestimmung des psychodynamischen, system- und ressourcenanalytischen oder verhaltensanalytischen Status
- Mindestdauer 50 Minuten: Bezieht sich auf Ihre Arbeitszeit (Erstellung, Auswertung, Verschriftlichung) – nicht auf einen Patientenkontakt
Für Ihre Dokumentation: Ein Vermerk wie „Biographie erhoben“ lässt die Statusbestimmung nicht erkennen. Die diagnostische Einordnung in der Logik Ihres Richtlinienverfahrens muss nachvollziehbar sein.
Biografische oder biographische Anamnese?
Sie werden beide Schreibweisen finden: biografische Anamnese mit f und biographische Anamnese mit ph. Der EBM verwendet die Variante mit ph. Für den Inhalt der Dokumentation macht die Schreibweise keinen Unterschied.
Abgrenzung: Diagnostik – nicht zwingend Therapie
Die GOP 35140 ist eine vorausgehende diagnostische Maßnahme im Zusammenhang mit antragspflichtiger Psychotherapie. Das bedeutet: Die Leistung setzt voraus, dass eine antragspflichtige Psychotherapie in Betracht kommt – sie muss aber nicht zwingend folgen. Wenn sich im diagnostischen Prozess herausstellt, dass ein anderes Vorgehen sinnvoller ist (z. B. Weitervermittlung, Beratung, psychiatrische Behandlung), bleibt die biographische Anamnese abrechenbar.
Abrechnung der biographischen Anamnese: Regeln, Ausschlüsse, Vergütung
Vergütung
Im EBM 4/2026 ist die GOP 35140 mit 707 Punkten und 90,07 Euro ausgewiesen. Grundlage ist der Orientierungspunktwert 2026 von 12,7404 Cent. Für Ihre tatsächliche Vergütung sind die regionalen Honorarregelungen maßgeblich.
Wann kann die biographische Anamnese abgerechnet werden?
Die Erstellung der biographischen Anamnese ist möglich in folgenden Phasen:
- Nach der psychotherapeutischen Sprechstunde (GOP 35151)
- Während der Probatorik (GOP 35150)
- Während einer Akutbehandlung (GOP 35152)
In der Praxis erstellen die meisten Kolleg:innen die biographische Anamnese während oder nach der Probatorik, weil dann die relevanten Informationen bereits vorliegen.
Ausschlüsse: Welche Leistungen dürfen nicht nebeneinander berechnet werden?
Die Ausschlüsse gehen über Sprechstunde und Akutbehandlung hinaus. Die folgende Übersicht enthält die vollständige Ausschlussliste aus dem EBM 4/2026:
| Zeitlicher Bezug | Ausgeschlossene GOPs |
|---|---|
| Nebeneinander in derselben Sitzung | 01205, 01207, 01210, 01212, 01214, 01216, 01218, 04355, 04356, 14220 bis 14222, 14310, 14311, 16220, 21220, 21221, 22220 bis 22222, 23220, 30702, 35100, 35110 bis 35113, 35120, 35151, 35152, 35173 bis 35179 sowie die GOPs der Abschnitte 35.2.1 und 35.2.2 |
| Im Behandlungsfall | 03040, 03043, 03100, 03220, 03221, 04040, 04220 und 04221 |
| Im Folgequartal | Nach Berechnung von 03100 oder 03043 für denselben Patienten durch die Vertragsarztpraxis, die 03100 berechnet hat |
Für psychotherapeutische Praxen besonders relevant: 35151, 35152, 35173 bis 35179 sowie Einzel- und Gruppentherapie nach 35.2.1/35.2.2. Ein Ausschluss in derselben Sitzung ist kein genereller Ausschluss am selben Tag. Halten Sie getrennte Leistungszeiten nachvollziehbar fest; die vollständige Leistung muss jeweils zusätzlich erbracht sein.
Einmal im Krankheitsfall – was bedeutet das genau?
Die GOP 35140 ist nur einmal im Krankheitsfall berechnungsfähig. Ein „Krankheitsfall“ im Sinne des EBM umfasst das aktuelle sowie die drei nachfolgenden Kalendervierteljahre, die der Berechnung der Gebührenordnungsposition folgen (also bis zu vier Quartale).
Praktische Konsequenz:
- Sie können die GOP 35140 für eine Patient:in nicht mehrfach innerhalb dieses Zeitraums abrechnen – auch nicht bei einer neuen Diagnose.
- Nach Ablauf des Krankheitsfalls ist eine erneute Berechnung nur bei erneut erforderlicher und vollständig erbrachter Leistung möglich. Der Quartalswechsel allein ist kein Grund, eine unveränderte Anamnese erneut abzurechnen.
- Dokumentieren Sie daher immer, wann Sie die Leistung erbracht haben und für welche Diagnose/Fragestellung.
Kein Patientenkontakt erforderlich
Anders als bei den meisten psychotherapeutischen Leistungen ist für die biographische Anamnese kein persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt erforderlich. Sie rechnen die Leistung für das Erstellen ab – also für Ihre schriftliche Ausarbeitung.
Das setzt natürlich voraus, dass Sie über eine ausreichende Datenbasis verfügen. Diese stammt typischerweise aus:
- Ihren Notizen aus Sprechstunde und/oder Probatorik
- Fragebogenergebnissen und Testdiagnostik
- Vorbefunden (ärztliche Berichte, Entlassbriefe, frühere Therapieberichte)
- Fremdanamnestischen Angaben (sofern vorliegend)
Zusammenhang mit dem Bericht an den Gutachter
Die Anamnese liefert die diagnostische Grundlage für den Bericht an den Gutachter. Der Bericht ist eine eigenständige Leistung: GOP 35130 betrifft den Bericht zur Kurzzeittherapie, GOP 35131 den Bericht zur Langzeittherapie. GOP 35142 ist kein Gutachterbericht, sondern ein Zuschlag zur GOP 35140 für ergänzende neurologische und psychiatrische Befunde, mit Einschränkungen hinsichtlich der berechtigten Berufsgruppen.
Biographische Anamnese und Gutachterbericht sind nicht gegenseitig ausgeschlossen. Ob ein Bericht erforderlich und berechnungsfähig ist, hängt vom jeweiligen Antragsverfahren ab. Übernehmen Sie aus der Anamnese die behandlungsrelevanten Zusammenhänge; der Bericht braucht keine vollständige Wiederholung aller Lebensstationen.
Fragenleitfaden: 27 Fragen für die biographische Anamnese
Die folgenden Fragen sind ein Gesprächsleitfaden für Psychotherapeut:innen. Wählen Sie die Bereiche nach Fragestellung und Belastbarkeit aus, statt alles in einer Sitzung abzufragen. Ein ausgefüllter Anamnesebogen ist eine Datenquelle; die verfahrensspezifische Einordnung erarbeiten Sie im diagnostischen Prozess.
Möglicher Einstieg: „Ich möchte besser verstehen, welche Erfahrungen für Ihre heutigen Schwierigkeiten wichtig sind und was Ihnen bisher geholfen hat. Sie entscheiden mit, was wir heute besprechen. Bei belastenden Themen können wir pausieren oder später darauf zurückkommen.“
Öffnen Sie den Bereich, den Sie gerade vorbereiten. Zu jedem Themenblock finden Sie drei Fragen und einen Hinweis für die Dokumentation.
1. Aktuelle Beschwerden und Anlass
- „Was hat Sie gerade jetzt dazu bewogen, eine Psychotherapie aufzusuchen?“
- „Wann traten die Beschwerden erstmals auf, und was war damals in Ihrem Leben los?“
- „In welchen Situationen sind die Beschwerden stärker, und wann sind sie weniger ausgeprägt?“
Festhalten: Beginn, Verlauf, Auslöser und Einschränkungen im Alltag. Unterscheiden Sie den ersten Symptombeginn von der aktuellen Verschlechterung.
2. Herkunftsfamilie und Bezugspersonen
- „Mit welchen Menschen sind Sie aufgewachsen, und wer war Ihnen besonders wichtig?“
- „Wie wurde zu Hause mit Fehlern, Konflikten und Gefühlen umgegangen?“
- „Zu wem konnten Sie gehen, wenn Sie Trost oder Unterstützung brauchten?“
Festhalten: Konstellation, konkrete Beziehungserfahrungen und verlässliche Bezugspersonen. Formulieren Sie „Pat. beschreibt den Vater als …“, statt eine fremde Person ungeprüft zu charakterisieren.
3. Kindheit, Schule und Jugend
- „Wie haben Sie Ihre Schulzeit und den Kontakt zu Gleichaltrigen erlebt?“
- „Welche Übergänge waren schwierig, und welche haben Sie gut bewältigt?“
- „Gab es damals schon ähnliche Schwierigkeiten wie heute?“
Festhalten: Zugehörigkeit, Ausgrenzung, Entwicklung und frühere Symptome. Wenn ein bestimmtes Muster behauptet wird, nach einer konkreten Situation fragen.
4. Ausbildung, Arbeit und Leistungsanforderungen
- „Welche Stationen in Ausbildung und Beruf waren für Sie besonders prägend?“
- „Wie reagieren Sie, wenn Anforderungen steigen oder jemand Ihre Arbeit kritisiert?“
- „Was gibt Ihnen im Beruf Halt, und was erschöpft Sie?“
Festhalten: Anforderungen, subjektive Bewertungen, Reaktionen und Ausnahmen. Stellen Sie die gegenwärtigen Arbeitsbedingungen neben mögliche biographische Muster.
5. Partnerschaft, Familie und Beziehungen
- „Wie erleben Sie Nähe, Unterstützung und Konflikte in wichtigen Beziehungen?“
- „Welche Rollen oder Erwartungen begegnen Ihnen in Beziehungen immer wieder?“
- „Wann gelingt es Ihnen, eigene Bedürfnisse oder Grenzen anzusprechen?“
Festhalten: Berichtete Interaktionen und Gegenbeispiele. Beziehungsmuster sind Hypothesen, die Sie am aktuellen Erleben und Verhalten prüfen.
6. Belastende Ereignisse und Verluste
- „Gab es Verluste, Erkrankungen oder andere Erfahrungen, die Sie bis heute belasten?“
- „Was davon wäre für unser Verständnis heute wichtig, ohne dass Sie Einzelheiten erzählen müssen?“
- „Woran merken Sie, dass es gerade zu viel wird, und was hilft Ihnen dann?“
Festhalten: Klinisch relevante Auswirkungen, den vereinbarten Gesprächsrahmen und offene Fragen. Eine Detailrekonstruktion belastender Erfahrungen ist kein Selbstzweck der Anamnese.
7. Erkrankungen und bisherige Behandlungen
- „Welche körperlichen oder psychischen Erkrankungen wurden bisher festgestellt?“
- „Welche Behandlungen oder Medikamente haben Sie erhalten, und wie haben Sie diese erlebt?“
- „Was hat in früheren Behandlungen geholfen, und was möchten Sie diesmal anders angehen?“
Festhalten: Zeitraum, Quelle, Behandlungsergebnis und aktuelle Medikation. Markieren Sie unklare Angaben als offen; ergänzen Sie Vorbefunde erst, wenn sie tatsächlich vorliegen.
8. Ressourcen und gelungene Bewältigung
- „Was hat Ihnen geholfen, frühere schwierige Phasen zu überstehen?“
- „Welche Menschen, Tätigkeiten oder Fähigkeiten geben Ihnen heute Kraft?“
- „Wann gelingt Ihnen etwas, das sonst schwierig ist, und was ist dann anders?“
Festhalten: Konkrete, erreichbare Ressourcen. „Eine Freundin kann dienstags begleiten“ ist für die Planung hilfreicher als „gutes soziales Netz“.
9. Bedeutungen, Ziele und offene Fragen
- „Welche Zusammenhänge sehen Sie selbst zwischen Ihrer Geschichte und den heutigen Beschwerden?“
- „Woran würden Sie im Alltag merken, dass die Therapie Ihnen hilft?“
- „Welche wichtige Seite Ihrer Geschichte haben wir bisher noch nicht angesprochen?“
Festhalten: Das Erklärungsmodell der Patient:in, konkrete Veränderungsziele und die nächsten Explorationsschritte. Die subjektive Erklärung und Ihre fachliche Hypothese dürfen sich unterscheiden.
Diese Fragen ergänzen die übrige Diagnostik. Aktuelle Symptomatik, psychischer Befund, somatische Abklärung und gegebenenfalls Risikoeinschätzung brauchen ihre eigene klinische Prüfung; eine Lebensgeschichte ersetzt diese nicht.
Lebenslinie erstellen: Von Ereignissen zu behandlungsrelevanten Zusammenhängen
Bei vielen Informationen hilft eine Lebenslinie, Zeiträume und Zusammenhänge sichtbar zu machen. Beginnen Sie mit wenigen Eckpunkten und ergänzen Sie jeweils Belastungen und hilfreiche Erfahrungen. Die Tabelle können Sie auf Papier oder in Ihrer Dokumentation verwenden.
| Zeitraum | Erfahrung laut Pat. | Bewältigung oder Ressource | Heute zu prüfen |
|---|---|---|---|
| Kindheit | Anerkennung vor allem für gute Leistungen | Verlässlicher Kontakt zur Großmutter | Wann wird Selbstwert heute an Leistung geknüpft? |
| Jugend | Wiederholte Ausgrenzung in einer Klasse | Freundschaft außerhalb der Schule | Wird Kritik heute als drohender Ausschluss erlebt? |
| Ausbildung | Angst vor Fehlern bei Prüfungen | Gemeinsames Lernen war entlastend | Wann hilft Zusammenarbeit statt Mehrarbeit? |
| Vor sechs Monaten | Neue Führungskraft und erhöhte Anforderungen | Unterstützung durch eine Kollegin | Was ging der aktuellen Verschlechterung voraus? |
| Gegenwart | Grübeln, Schlafprobleme und Rückzug | Spaziergänge und Gespräche mit Schwester | Welche Reaktionen entlasten kurzfristig, welche helfen längerfristig? |
Die entscheidende Anschlussfrage: „Wo erleben Sie dieses Muster heute, und wo gerade nicht?“ So prüfen Sie biographische Hypothesen am aktuellen Alltag. Ein zeitliches Nacheinander belegt noch keinen ursächlichen Zusammenhang.
Wichtige biographische Angaben nach der Sitzung wiederfinden
DokuDachs erstellt aus Ihrem Gespräch einen strukturierten Dokumentationsentwurf mit Quellenverweisen zum Transkript. Sie prüfen die Aussagen und können relevante Textstellen einem Anamnese-Feld in der Patient:innenakte zuordnen.
DokuDachs 7 Tage kostenlos testenInhalt der biographischen Anamnese: Was muss dokumentiert werden?
Die biographische Anamnese besteht aus zwei großen Blöcken – den lebensgeschichtlichen und sozialen Daten einerseits und der verfahrensspezifischen Statusbestimmung andererseits. Im Folgenden zeige ich Ihnen, was in jeden Block gehört und wie Sie es formulieren können.
Block 1: Lebensgeschichtliche Daten
Hier geht es um die biographischen Eckpunkte, die für die aktuelle Symptomatik und den Behandlungsbedarf relevant sind. Nicht jede Lebensstation braucht einen eigenen Absatz – aber die Schlüsselereignisse und -muster müssen erkennbar sein.
| Bereich | Was dokumentiert wird | Beispielformulierung |
|---|---|---|
| Herkunftsfamilie und frühe Kindheit | Familienkonstellation, Bindungserfahrungen, Erziehungsstil, prägende Atmosphäre | „Pat. wuchs als jüngstes von drei Kindern in einer emotional distanzierten Familienatmosphäre auf. Vater beruflich häufig abwesend, Mutter wird als überfordert, aber fürsorglich beschrieben.“ |
| Kindheit und Jugend | Schulische Entwicklung, Peerbeziehungen, prägende Ereignisse, Erkrankungen | „Schulzeit ohne größere Auffälligkeiten, jedoch zunehmender sozialer Rückzug ab der Pubertät. Mobbing-Erfahrungen in Klasse 7–8, die Pat. als prägend für aktuelle Selbstwertproblematik beschreibt.“ |
| Ausbildung und Beruf | Bildungsweg, Berufsstationen, Arbeitsbelastung, Konflikte | „Studium der Betriebswirtschaft (abgeschlossen), seit 5 Jahren in einer Führungsposition. Zunehmende Erschöpfung seit Umstrukturierung vor 18 Monaten, subjektiv erhöhte Anforderungen bei reduzierter Kontrolle.“ |
| Partnerschaft und eigene Familie | Beziehungsgeschichte, aktuelle Partnerschaft, Kinder, Beziehungsmuster | „Seit 12 Jahren verheiratet, zwei Kinder (8, 5 J.). Beziehung wird als stabil, aber emotional wenig nährend beschrieben. Früheres Beziehungsmuster: rasche Idealisierung, gefolgt von Rückzug bei Konflikten.“ |
| Kritische Lebensereignisse | Verluste, Traumata, Trennungen, schwere Erkrankungen – sofern erhoben und relevant | „Tod des Vaters vor 3 Jahren (Herzinfarkt), von Pat. als unverarbeitet beschrieben. Trauerprozess durch berufliche Belastung überlagert, keine professionelle Unterstützung in Anspruch genommen.“ |
| Vorbehandlungen | Frühere Psychotherapien, psychiatrische Behandlungen, Medikation | „Erstmalige VT (25 Sitzungen) 2019 wegen depressiver Episode, subjektiv hilfreich. Bislang keine psychopharmakologische Behandlung. Aktuell: Hausärztlich verordnetes Sertralin 50 mg seit 4 Wochen.“ |
Block 2: Soziale Daten und aktueller Kontext
Dieser Abschnitt beschreibt die aktuelle Lebenssituation und die Faktoren, die Symptomatik aufrechterhalten oder abpuffern. Er macht oft den Unterschied zwischen einer rein biographischen Erzählung und einer klinisch relevanten Einordnung.
| Bereich | Was dokumentiert wird | Beispielformulierung |
|---|---|---|
| Aktuelle Wohn- und Lebenssituation | Wohnform, Haushalt, finanzielle Situation | „Lebt mit Ehepartner und zwei Kindern im Eigenheim. Finanzielle Situation stabil, jedoch erhöhte Belastung durch laufenden Kredit.“ |
| Berufliche Situation | Aktuelle Tätigkeit, Arbeitsunfähigkeit, berufliche Konflikte | „Derzeit arbeitsfähig, jedoch mit zunehmenden Fehltagen (6 AU-Tage im letzten Quartal). Konflikt mit neuer Vorgesetzten seit Umstrukturierung.“ |
| Soziales Netz | Freundschaften, Vereinsleben, soziale Unterstützung, Isolation | „Sozialer Rückzug in den letzten Monaten deutlich zugenommen. Kontakt zu zwei engen Freunden wird als entlastend erlebt, wird aber seltener aktiv aufgesucht.“ |
| Ressourcen | Stützende Faktoren, Bewältigungsstrategien, Stärken | „Regelmäßiges Joggen (2x/Woche), stützende Beziehung zur älteren Schwester, hohe Reflexionsfähigkeit und Veränderungsmotivation.“ |
| Aktuelle Stressoren | Belastungsfaktoren, aufrechterhaltende Bedingungen | „Chronische berufliche Überlastung, ungenügend wahrgenommene soziale Unterstützung durch Partner, Tendenz zu Selbstüberforderung.“ |
Block 3: Verfahrensspezifische Statusbestimmung (Pflicht!)
Hier ordnen Sie die erhobenen Daten in der diagnostischen Logik Ihres Richtlinienverfahrens ein. Die folgenden fiktiven Beispiele zeigen mögliche Formulierungen. Übernehmen Sie nur Aussagen, die Sie im konkreten Fall erhoben und fachlich geprüft haben; trennen Sie Angaben, Beobachtungen und Hypothesen.
Verhaltenstherapie: Verhaltensanalytischer Status
Im verhaltenstherapeutischen Rahmen bietet sich ein SORKC-orientierter Ansatz an:
Beispielformulierung (verhaltensanalytischer Status):
„Auf Basis der biographischen und aktuellen Daten lässt sich folgende verhaltensbezogene Einordnung vornehmen:
Auslösende Bedingungen: Kritik oder als Bewertung erlebte Rückmeldungen im beruflichen Kontext, insbesondere durch Autoritätspersonen. Vor dem Hintergrund der früher erlebten Mobbing-Erfahrungen und der emotional distanzierten Familienatmosphäre besteht eine erhöhte Vulnerabilität gegenüber sozial-evaluativen Situationen.
Organismische Variablen: Dysfunktionale Grundannahmen („Ich bin nicht gut genug“, „Fehler führen zu Ablehnung“), erhöhte Anspannung, Schlafdefizit.
Reaktionsebenen: Kognitiv: Grübeln, Katastrophisieren. Emotional: Angst, Scham, Hilflosigkeit. Behavioral: Vermeidung von Meetings, sozialer Rückzug. Physiologisch: Herzrasen, Schlafstörungen.
Kurzfristige Konsequenzen: Die Vermeidung wird durch den Wegfall von Anspannung negativ verstärkt. Kontingenz (K): Die Entlastung tritt laut Pat. unmittelbar und regelmäßig nach dem Vermeiden auf.
Langfristige Konsequenzen: Zunehmende berufliche Isolation, Selbstwertverlust, depressive Symptomverdichtung.“
Tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie: Psychodynamischer Status
Beispielformulierung (psychodynamischer Status):
„Als psychodynamische Arbeitshypothese ergibt sich ein Selbstwertkonflikt: Berufliche Kritik wird als umfassende persönliche Entwertung erlebt, worauf Pat. mit Rückzug reagiert.
Pat. beschreibt wenig emotionale Resonanz durch den Vater und eine wechselnde Verfügbarkeit der Mutter. Im bisherigen Kontakt fragt Pat. wiederholt, ob die Schilderung „richtig“ sei; dies könnte auf eine starke Orientierung an äußerer Bestätigung hinweisen. Ein Bindungsmuster lässt sich aus den biographischen Angaben allein nicht sicher bestimmen.
Zur strukturellen Einschätzung sind weitere Beobachtungen zur Affektwahrnehmung, Selbstberuhigung und Differenzierung von Selbst- und Fremdwahrnehmung erforderlich. Die bisher berichtete Kränkbarkeit reicht für die Festlegung eines Strukturniveaus nicht aus.
Pat. erlebt den Tod des Vaters vor drei Jahren als weiterhin belastend. Ob der aktuelle Wechsel des Vorgesetzten mit Verlust- und Trauerthemen verknüpft ist, soll im weiteren Verlauf exploriert werden.“
Systemische Therapie: System- und ressourcenanalytischer Status
Beispielformulierung (system- und ressourcenanalytischer Status):
„Systemisch betrachtet steht die Symptomatik im Kontext mehrerer sich überlagernder Systemdynamiken:
Herkunftsfamilie: Pat. hat früh eine funktionale Rolle als „Problemlöser“ in der Familie übernommen (parentifiziertes Kind). Dieses Muster wiederholt sich im aktuellen beruflichen und familiären System.
Aktuelles Familiensystem: Komplementäre Rollenverteilung: Pat. übernimmt die Funktion des „Starken“, Partner:in die des „zu Schützenden“. Eigene Bedürfnisse werden als illegitim erlebt und nicht kommuniziert. Als zu prüfende Hypothese könnte der Rückzug eine Unterbrechung dieser Überforderungsdynamik ermöglichen; diese Bedeutung wird nicht als gesicherte Absicht der Pat. vorausgesetzt.
Berufliches System: Die Umstrukturierung hat eine bisher funktionale Nische (autonomes Arbeiten unter stützendem Vorgesetzten) aufgelöst. Im neuen Kontext scheitern gewohnte Bewältigungsstrategien.
Ressourcen: Stabile Partnerschaft (bei aller Komplementarität), enge Schwesterbeziehung als potenzielle Unterstützungsressource, körperliche Aktivität als Selbstregulation, hohe Reflexions- und Veränderungsbereitschaft.“
Zusammenfassung und diagnostische Einordnung
Am Ende der biographischen Anamnese steht eine verdichtete Zusammenfassung: Was ist diagnostisch relevant, welche Hypothesen ergeben sich, und was folgt daraus?
Beispielformulierung (Zusammenfassung):
„Zusammenfassend liegt bei Herrn/Frau M. (Alter) eine mittelgradige depressive Episode (F32.1) vor dem Hintergrund einer erhöhten Vulnerabilität für depressives Erleben (frühe Bindungsunsicherheit, internalisierte Leistungsorientierung) und aktueller aufrechterhaltender Faktoren (berufliche Belastungssituation, Vermeidungsverhalten, reduzierte Aktivitäten) vor.
Die Indikation für eine ambulante Psychotherapie (Verhaltenstherapie/TP/ST) ist gegeben. Behandlungsrelevante Ansatzpunkte sind: [verfahrensspezifisch benennen].“
Fallbeispiel: Von der Gesprächsnotiz zur biographischen Einordnung
Fiktiver Fall: Eine 36-jährige Patientin berichtet seit sechs Monaten über Erschöpfung, Grübeln und Schlafprobleme. Nach einem Wechsel der Führungskraft vermeidet sie Rückfragen und arbeitet häufig bis spät abends. Als Kind habe sie vor allem für gute Leistungen Anerkennung erhalten. Mit einer vertrauten Kollegin gelängen Absprachen leichter; Spaziergänge mit ihrer Schwester erlebe sie als entlastend.
Das Beispiel enthält eine mögliche Verbindung zwischen früher Erfahrung und aktueller Bewältigung. Es reicht allein weder für eine gesicherte Diagnose noch für eine vollständige Statusbestimmung. Entscheidend ist, welche Aussagen erhoben sind und welche erst geprüft werden müssen.
Drei Fragen zum Mitdenken
Überlegen Sie zunächst selbst, bevor Sie die jeweilige Antwort öffnen. So lässt sich das Beispiel direkt für die Vorbereitung Ihrer nächsten Anamnese nutzen.
1. Welche drei Ebenen sollten im Text getrennt bleiben?
Patientinnenangabe: „Die Patientin berichtet, in der Kindheit vor allem für gute Leistungen Anerkennung erhalten zu haben.“
Beobachtung: Im Beispiel ist keine konkrete Beobachtung aus dem Gespräch beschrieben. Diese darf nicht nachträglich erfunden werden. Falls tatsächlich beobachtet, könnte etwa festgehalten werden, dass die Patientin bei der Schilderung von Kritik leiser spricht.
Hypothese: „Zu prüfen ist, ob leistungsabhängige Selbstbewertung die Reaktion auf berufliche Kritik mitprägt.“ Damit bleibt erkennbar, was die Einordnung noch absichern muss.
2. Welche Zusatzfrage würde die Einordnung verbessern?
„Können Sie die letzte Situation beschreiben, in der Sie eine Rückfrage vermieden haben: Was hatten Sie erwartet, wie fühlten Sie sich, und was passierte danach?“
Das liefert eine konkrete Sequenz statt einer allgemeinen Eigenschaft wie „perfektionistisch“. Ergänzen Sie eine Ausnahme: „Was ist im Kontakt mit Ihrer vertrauten Kollegin anders?“
3. Wie könnte eine knappe VT-Arbeitshypothese lauten?
„Die Patientin berichtet über leistungsabhängige Anerkennung in der Herkunftsfamilie. Seit dem Wechsel der Führungskraft erlebt sie Rückfragen als Risiko, unzulänglich zu wirken. Vermeidung und Mehrarbeit könnten kurzfristig Bewertungsangst reduzieren und längerfristig Erschöpfung sowie fehlende korrigierende Erfahrungen begünstigen. Die vermutete Entlastungsfunktion ist anhand konkreter Situationen noch zu prüfen. Als Ressourcen benennt die Patientin die Zusammenarbeit mit einer vertrauten Kollegin und Aktivitäten mit ihrer Schwester.“
Mögliche Anschlussarbeit: Erwartungen und tatsächliche Konsequenzen von Rückfragen untersuchen, hilfreiche Arbeitskontakte berücksichtigen und erreichbare Erholungsaktivitäten gemeinsam planen.
Dieselben Angaben, unterschiedliche fachliche Fragen
| Verfahren | Weiterführende Frage | Noch zu erheben |
|---|---|---|
| VT | Welche Funktion haben Vermeidung und Mehrarbeit? | Konkrete Auslöser, Bewertungen, Reaktionen sowie Häufigkeit und Zeitpunkt der Konsequenzen |
| TP/AP | Wie werden Anerkennung, Kränkung und Abhängigkeit erlebt? | Konflikterleben, Affektregulation und wiederkehrende Beziehungserfahrungen einschließlich des therapeutischen Kontakts |
| ST | Welche Wechselwirkungen verstärken oder unterbrechen die Überforderung? | Reaktionen im Arbeits- und Familiensystem, Erwartungen, bisherige Lösungsversuche und Ausnahmen |
Biographische Anamnese bei Kindern und Jugendlichen
In der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie betrachten Sie die Entwicklung und den aktuellen Lebenskontext des jungen Menschen. Angaben von Eltern oder anderen Bezugspersonen ergänzen dessen Perspektive. Beide Sichtweisen können unterschiedlich sein und sollten in der Dokumentation erkennbar bleiben.
- Frühe Entwicklung: Schwangerschaft, Geburt, Entwicklungsschritte und frühe Belastungen, soweit für die Fragestellung relevant; Quelle der Angaben festhalten.
- Familie und Betreuung: Bezugspersonen, Geschwister, Wechsel der Betreuung, Trennungen und Kontaktregelungen.
- Kita, Schule und Gleichaltrige: Übergänge, Leistungsanforderungen, Freundschaften, Ausgrenzung und vorhandene Unterstützung.
- Autonomie und Bedürfnisse: Eigene Ziele des Kindes oder Jugendlichen, Interessen, Rückzugsmöglichkeiten und altersgemäße Selbstständigkeit.
- Ressourcen: Verlässliche Erwachsene, stärkende Aktivitäten und Situationen, in denen Schwierigkeiten weniger auftreten.
Beispiel für getrennte Perspektiven: „Die Mutter berichtet über zunehmende Schulvermeidung seit dem Klassenwechsel. Der Jugendliche beschreibt Angst vor Ausgrenzung durch Mitschüler:innen; die Mutter vermutet vorrangig Leistungsdruck. Schulische Rückmeldungen liegen noch nicht vor.“
Bei widersprüchlichen Angaben legen Sie fest, was Sie mit wem weiter klären. Kennzeichnen Sie Fremdangaben, direkte Äußerungen und eigene Beobachtungen. Ein Elternbericht wird dadurch nicht ungeprüft zur Perspektive des Kindes.
Vorlage für die biographische Anamnese zum Übernehmen
Übernehmen Sie die folgende Gliederung in Ihre Dokumentation und füllen Sie nur die tatsächlich erhobenen Inhalte aus. Sie können den Text direkt markieren und kopieren. Die Vorlage ist eine Strukturhilfe; die Länge richtet sich nach der klinischen Fragestellung.
Biographische Anamnese – Dokumentationsstruktur
Patient:innenkennung: [Kennung]
Erstellungsdatum: [Datum]
Verfahren und Fragestellung: [VT / TP / AP / ST; diagnostischer Anlass]
1. Datengrundlage
[Gespräche mit Datum, eigene Notizen, Fragebögen, Vorbefunde und Fremdangaben; Quellen zuordnen. Noch fehlende Unterlagen benennen.]
2. Aktuelle Beschwerden und Verlauf
[Symptombeginn, Verlauf, aktuelle Auslöser und funktionelle Einschränkungen; Bezug zur übrigen Diagnostik.]
3. Behandlungsrelevante Lebensgeschichte
[Herkunftsfamilie und Bezugspersonen; Kindheit und Jugend; Ausbildung und Beruf; Beziehungen; Verluste und Übergänge. Bei KJP: Entwicklung, Betreuung und Schule.]
4. Aktueller sozialer Kontext
[Wohn- und Lebenssituation, Beziehungen, Arbeit oder Schule, Belastungen und tatsächlich verfügbare Unterstützung.]
5. Erkrankungen und Vorbehandlungen
[Psychische und körperliche Erkrankungen, frühere Behandlungen, deren Verlauf und aktuelle Medikation; Informationsquelle.]
6. Ressourcen und Bewältigung
[Fähigkeiten, Interessen, hilfreiche Beziehungen, bisherige Lösungsversuche und Ausnahmen vom Problemmuster.]
7. Verfahrensspezifische Statusbestimmung
[VT: prädisponierende, auslösende und aufrechterhaltende Bedingungen, ggf. konkrete SORKC-Analyse.]
[TP/AP: psychodynamische Zusammenhänge, Konflikte, strukturelle Fähigkeiten und Beziehungsgeschehen, soweit erhoben.]
[ST: relevante Systeme, Wechselwirkungen, Lösungsversuche, Bedeutungszuschreibungen und Ressourcen.]
[Passende Variante ausarbeiten; Grundlage und Unsicherheiten der Hypothesen benennen.]
8. Diagnostische Einordnung und weiteres Vorgehen
[Diagnose und diagnostische Sicherheit auf Grundlage der gesamten Diagnostik; Indikation, offene Fragen und Konsequenzen für die Behandlungsplanung.]
9. Tatsächliche Leistungszeit und Abschluss
[Datum; Beginn und Ende der Leistungszeit(en); Gesamtdauer; Tätigkeiten; abschließende fachliche Prüfung und verantwortliche Person.]
Formulierungen für Lücken und Unsicherheit
- Nicht erhoben: „Frühere Behandlungen wurden bislang nicht erfragt; Exploration ist für den nächsten Kontakt vorgesehen.“
- Erfragt und verneint: „Die Patientin verneint frühere psychotherapeutische Behandlungen.“
- Quelle noch offen: „Medikation nach Patientinnenangabe; Abgleich mit aktuellem Medikationsplan steht aus.“
- Hypothese: „Ein Zusammenhang mit früheren Erfahrungen von Ausgrenzung erscheint möglich und wird anhand aktueller Situationen weiter geprüft.“
„Nicht erhoben“ und „verneint“ sind unterschiedliche Informationen. Diese Unterscheidung erleichtert die weitere Diagnostik und verhindert, dass Lücken in einer Vorlage wie negative Befunde wirken.
Die 50-Minuten-Anforderung: Was zählt und wie Sie die Zeit dokumentieren
Was zur Mindestdauer zählt
Die 50 Minuten Mindestdauer beziehen sich auf Ihre eigene Leistung bei der Erstellung und fachlichen Ausarbeitung. Dazu gehört:
- Sichten und Auswerten der vorhandenen Daten (Notizen, Befunde, Fragebogenergebnisse)
- Strukturierte Ausarbeitung der biographischen und sozialen Anamnese
- Verfahrensspezifische Einordnung und Statusbestimmung
- Formulierung der diagnostischen Zusammenfassung
In den meisten Fällen werden Sie deutlich länger als 50 Minuten benötigen – besonders bei komplexen Fallkonstellationen. Die 50 Minuten sind eine Mindestanforderung, keine Zielgröße.
Zeitdokumentation: Tatsächliche Leistungszeit nachvollziehbar festhalten
Halten Sie fest:
- Datum der Erstellung
- Zeitaufwand (z. B. „Erstellung am 14.04.2026, Arbeitszeit: 10:00–11:15 Uhr, 75 Minuten“)
Ergänzen Sie den Zeitvermerk um die Tätigkeiten, die Sie tatsächlich ausgeführt haben. Die Dokumentation muss mit Ihrem übrigen Leistungsnachweis zusammenpassen. Die EBM-Mindestdauer ist von Kalkulations- und Prüfzeiten für Plausibilitätsprüfungen zu unterscheiden; diese stehen im EBM-Anhang 3.
Beispiel, nur bei tatsächlich erbrachter Zeit: „Erstellung am 13.10.2026, 13:00–14:05 Uhr, 65 Minuten: Vorbefunde und Gesprächsnotizen gesichtet, biographische und soziale Daten ausgearbeitet, verhaltensanalytischen Status formuliert, diagnostische Einordnung geprüft.“
Ein KI-Entwurf oder eine Vorlage verkürzt möglicherweise einzelne Schreibschritte. Die Mindestdauer entfällt dadurch nicht. Tragen Sie die tatsächlich geleistete Zeit ein; ein automatisch erzeugter Text oder eine Wartezeit auf Software belegt keine eigene 50-minütige Leistung.
Workflow: So erstellen Sie die biographische Anamnese effizient
Diese Reihenfolge hilft bei der Organisation. Die Zeitspannen sind Beispiele, keine Vorgabe für Ihre Abrechnung:
- Daten zusammenstellen (10–15 Min.): Notizen aus Sprechstunde und Probatorik, Fragebogenergebnisse, Vorbefunde sichten und relevante Informationen markieren
- Biographische und soziale Daten verschriftlichen (20–30 Min.): Strukturierte Ausarbeitung anhand der Lebensbereiche (s.o.)
- Statusbestimmung formulieren (15–20 Min.): Verfahrensspezifische Einordnung der Befunde
- Zusammenfassung und Check (5–10 Min.): Diagnostische Verdichtung, Prüfung auf Vollständigkeit der Pflichtbestandteile, Zeitvermerk
Wie DokuDachs die biographische Anamnese vorbereitet
Die aufwendige Suche beginnt häufig vor dem Schreiben: Was hatte die Patientin über frühere Behandlungen gesagt? In welcher Sitzung wurde die Trennung erwähnt? Welche Ressource war tatsächlich hilfreich? DokuDachs verbindet Transkript, strukturierte Sitzungszusammenfassung und Patient:innenakte, damit Sie diese Angaben im Arbeitsfluss nutzen können.
- Gespräch oder eigene Notizen erfassen: Sie können mit entsprechender Einwilligung ein Gespräch transkribieren lassen oder Ihre eigenen Notizen diktieren. Für den Einstieg eignet sich auch ein vollständig fiktiver Fall.
- Passende Struktur wählen: Die Erstgesprächsvorlage setzt einen Schwerpunkt auf Anamnese und Symptomatik. Mit eigenen Sitzungsvorlagen können Sie weitere Abschnitte und Anweisungen festlegen.
- Entwurf anhand der Quellen prüfen: Kontrollieren Sie Personen, Zeiträume, Negationen und die Zuordnung der Aussagen zum jeweiligen Sprecher. Quellenverweise führen zu den entsprechenden Transkriptstellen.
- Geprüfte Angaben in die Anamnese übernehmen: Markieren Sie relevante Textabschnitte der Sitzungszusammenfassung und ordnen Sie diese einem Anamnese-Feld der Patient:innenakte zu. So können Sie Angaben aus mehreren Sitzungen zusammentragen.
- Fachlich ausarbeiten: Ergänzen Sie die verfahrensspezifische Statusbestimmung, klären Sie Lücken und halten Sie Ihre tatsächliche Leistungszeit fest.
Praktischer Prüfauftrag für den KI-Entwurf: „Strukturiere nur Angaben aus dem Gespräch. Trenne Patient:innenangaben von meinen ausdrücklich formulierten Hypothesen. Ergänze keine Ereignisse, Diagnosen oder Ursachen. Kennzeichne nicht besprochene Bereiche als nicht erhoben.“ Auch mit einer solchen Anweisung braucht der Entwurf Ihre Prüfung.
Die Gesprächsaufzeichnung setzt eine entsprechende Einwilligung voraus. Eine Muster-Einwilligung für Patient:innen und Informationen zur Datensicherheit von DokuDachs helfen bei der Vorbereitung. Den Ablauf zeigt die Seite Therapiesitzungen transkribieren; weitere Beispiele finden Sie im Artikel zur Sitzungsdokumentation in der Psychotherapie.
Ein konkreter Test: Diktieren Sie zunächst das fiktive Fallbeispiel aus diesem Artikel, erstellen Sie eine Zusammenfassung und prüfen Sie, wie leicht Sie Aussagen wiederfinden und korrigieren können. So lernen Sie den Ablauf kennen, bevor Sie ihn für Ihre Praxis einrichten.
Häufige Fragen (FAQ) zur biographischen Anamnese und GOP 35140
„Kann ich GOP 35140 während der Akutbehandlung oder Probatorik abrechnen?“
Ja, die Erstellung ist in diesen diagnostischen Phasen möglich. Sprechstunde (35151) und Akutbehandlung (35152) sind in derselben Sitzung ausgeschlossen. Darüber hinaus gelten die weiteren Abrechnungsausschlüsse der GOP 35140. Die KV Nordrhein erläutert den Zusammenhang mit Akutbehandlung und Probatorik.
„Geht die biographische Anamnese auch ohne Patientenkontakt?“
Ja. Die GOP 35140 erfordert keinen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt. Sie rechnen die Erstellung der Anamnese als Arbeitsleistung ab. Die Informationen stammen aus Ihren vorangegangenen Kontakten (Sprechstunde, Probatorik), Fragebogendiagnostik und ggf. Vorbefunden.
„Brauche ich einen extra Termin?“
Für das Erstellen der GOP 35140 ist kein zusätzlicher Patientenkontakt vorgeschrieben. Liegen die Informationen vor, können Sie die Ausarbeitung in einem Büroblock erledigen. Wenn wichtige Angaben fehlen, kann eine weitere Exploration fachlich sinnvoll sein; die fehlenden Inhalte lassen sich nicht durch eine Vorlage ersetzen.
„Kann ich die biographische Anamnese neben probatorischen Sitzungen (35150) abrechnen?“
Zwischen GOP 35140 und GOP 35150 besteht kein gegenseitiger Ausschluss. Beide Leistungen müssen vollständig mit ihrer jeweils erforderlichen Dauer erbracht werden; dieselben Minuten dürfen nicht doppelt angesetzt werden. Nicht verwechseln mit GOP 35141: Bei deren Nebeneinanderberechnung mit 35150 verlangt der EBM mindestens 70 Minuten Arzt-Patienten-Kontaktzeit.
„Wie verhält sich die biographische Anamnese zum Bericht an den Gutachter?“
Die Anamnese liefert biographische und diagnostische Grundlagen, die im Gutachterbericht verdichtet werden. Für den Bericht gelten GOP 35130 beziehungsweise 35131. Die Anamnese nach 35140 ist eine eigenständige Leistung; der Gutachterbericht ersetzt sie nicht automatisch.
„Was passiert, wenn die Behandlung gar nicht zustande kommt?“
Die GOP 35140 bleibt abrechenbar. Sie ist als vorausgehende diagnostische Maßnahme definiert – auf sie muss keine antragspflichtige Psychotherapie folgen. Wenn sich im Rahmen der Diagnostik herausstellt, dass ein anderer Versorgungsweg sinnvoller ist, ändert das nichts an der erbrachten Leistung.
„Darf ich die biographische Anamnese für Privatpatient:innen nach GOÄ abrechnen?“
Für die Privatabrechnung ist Nr. 860 GOÄ/GOP relevant; ihre originäre Leistungsbeschreibung betrifft TP und AP. Für weitere wissenschaftlich anerkannte Verfahren sehen die gemeinsamen Abrechnungsempfehlungen eine analoge Berechnung vor. Anders als bei der GOP 35140 ist hier Patientenkontakt erforderlich. Beachten Sie die weiteren Bedingungen der Privatabrechnung. Nr. 861 bezeichnet eine Therapieleistung und ist keine alternative Anamneseziffer. Quellen: Bundesärztekammer zur biografischen Anamnese und BPtK-FAQ zu den gemeinsamen Abrechnungsempfehlungen, Stand 01.10.2025.
Wie ausführlich muss eine biographische Anamnese sein?
Die GOP 35140 schreibt keine Seitenzahl vor. Der Umfang richtet sich nach der Fragestellung: Relevante Lebensgeschichte, sozialer Kontext und verfahrensspezifische Statusbestimmung müssen nachvollziehbar sein. Ein langer Lebenslauf ohne Einordnung ist dafür weniger hilfreich als eine fokussierte Ausarbeitung mit begründeten Hypothesen.
Reicht ein Anamnesefragebogen aus?
Ein Fragebogen liefert Angaben und kann das Gespräch vorbereiten. Für die Leistung nach GOP 35140 brauchen Sie zusätzlich die Ausarbeitung und verfahrensspezifische Statusbestimmung unter Einhaltung der Mindestdauer. Besprechen Sie unklare Antworten, statt sie ungeprüft als Befund zu übernehmen.
Kann eine KI die biographische Anamnese fertig schreiben?
Eine KI kann vorhandene Angaben strukturieren und einen Textentwurf vorbereiten. Sie müssen prüfen, ob die Angaben belegt sind, Quellen richtig zugeordnet wurden und Hypothesen fachlich tragen. Die diagnostische Einordnung und die Verantwortung für die fertige Dokumentation bleiben bei Ihnen; auch die tatsächliche Leistungsdauer muss stimmen.
Checkliste: Biographische Anamnese abschließend prüfen
Nutzen Sie die anklickbare Checkliste als Abschlusskontrolle Ihrer Ausarbeitung. Übernehmen Sie offene Punkte anschließend in Ihre Dokumentation oder Aufgabenliste.
Inhaltliche Vollständigkeit
Formale Anforderungen
Häufige Stolperfallen
Probieren Sie den Ablauf mit einem fiktiven Fall aus
DokuDachs unterstützt Sie bei Transkription, Sitzungsdokumentation und dem Aufbau Ihrer Anamnese in der Patient:innenakte. Testen Sie, ob Sie damit Informationen leichter wiederfinden und Ihre Dokumentation besser vorbereiten können.
DokuDachs 7 Tage kostenlos testenDen Ablauf können Sie vorab auf der Seite Therapiesitzungen transkribieren ansehen.
Quellen und fachlicher Stand
- KBV: EBM 4/2026 – Allgemeine Bestimmungen 3.2 (Krankheitsfall), Abschnitt 35.1 (GOP 35130 bis 35142), Anhang 3 (Kalkulations- und Prüfzeiten).
- KV Nordrhein: FAQ zu psychotherapeutischen Leistungen – Erstellung ohne zusätzlichen Patientenkontakt, Akutbehandlung, Probatorik und Therapeutenwechsel.
- Bundesärztekammer: Biografische Anamnese – Nr. 860 und Privatabrechnung.
- BPtK: FAQ zu den gemeinsamen Abrechnungsempfehlungen, Version 2.0 – analoge Berechnung der biographischen Anamnese.
Abrechnungsangaben geprüft anhand des EBM 4/2026. Für spätere Quartale prüfen Sie die jeweils gültige Fassung im Online-EBM der KBV. Die Gesprächsfragen und fiktiven Beispiele sind eigene redaktionelle Arbeitshilfen und keine validierten diagnostischen Instrumente.

